Produktionslogistische Kennlinien
Logistische Kennlinien beschreiben quantitativ die funktionalen Zusammenhänge zwischen den logistischen Zielgrößen der Produktion. Als ein Erklärungsmodell (auch Wirkmodell genannt) liefern sie Erklärungen zu Prozessabläufen und sind die Basis für Controlling- und Entscheidungsmodelle. Damit unterstützen sie die logistikorientierte Planung und Gestaltung der Produktion, einzelner Lagerstufen und auch kompletter Lieferketten.
Logistische Zielgrößen der Produktion
Zwischen den logistischen Zielgrößen der Referenzprozesse der Produktion, dargestellt in Abbildung 1, existieren Spannungsfelder, die u.a. als Dilemma der Ablaufplanung bzw. Dilemma der Materialwirtschaft bekannt sind. Beispielsweise werden für den Referenzprozess Produktion niedrige Durchlaufzeiten und eine hohe Termintreue angestrebt, um damit einerseits den Kundenanforderungen zu entsprechen, andererseits aber auch die Planungssicherheit zu erhöhen. Zudem verringert sich mit geringer werdenden Durchlaufzeiten das Änderungsrisiko für angearbeitete Aufträge. Unternehmensseitig möchte man eine hohe Auslastung der bereitgestellten Kapazitäten erreichen und gleichzeitig auch möglichst niedrige Umlaufbestände, um so die durch die Produktionslogistik beeinflussbaren Kosten zu minimieren. Es ist offensichtlich, dass sich einige dieser Teilziele unterstützen, andere hingegen widersprechen sich. Ähnliche Spannungsfelder finden sich auch bei den anderen Referenzprozessen.

Abb. 1: Logistische Zielgrößen für die Referenzprozesse der Produktion
Es existiert demnach prinzipiell nicht nur ein Ziel, dessen Wert es zu maximieren oder zu minimieren gilt, sondern es müssen immer die Auswirkungen von Maßnahmen auf alle Teilziele gleichzeitig berücksichtigt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Gewichtung der Teilziele im Produktionsprozess stark unterscheiden kann.
Zur Darstellung der wechselseitigen Abhängigkeiten der logistischen Zielgrößen untereinander und deren Beeinflussungsmöglichkeiten bieten sich logistische Kennlinien an.
Ordnungsschema logistischer Kennlinien
Abbildung 2 zeigt das Ordnungsschema der logistischen Kennlinien, die sich inzwischen sowohl in der Wissenschaft wie auch der Praxis etabliert haben.

Abb. 2: Ordnungsschema logistischer Kennlinien
Die Kennlinien für den Referenzprozess Produzieren und Prüfen zeigen, dass die Durchlaufzeit an einem Produktionssystem überwiegend proportional mit wachsendem Bestand ansteigt. Ein Minimum ergibt sich aus der technisch bedingten Durchführungszeit bei Auftragsbearbeitung und der Transportzeit zwischen zwei Arbeitsvorgängen. Die Leistungskennlinie für ein Arbeitssystem ist bei hohen Beständen weitgehend bestandsunabhängig. Wird jedoch ein bestimmter Bestandswert unterschritten, so treten Materialflussabrisse und damit Leistungseinbußen auf. Dadurch und in der anderen Ausprägung durch hohe und damit im Allgemeinen auch stark schwankende Durchlaufzeiten wird die Termintreue negativ beeinflusst. Bestandsbedingte Auslastungsverluste führen zudem zu höheren Leerkosten der bereitgestellten Kapazitäten, hohe Bestände hingegen haben hohe Bestandskosten zur Folge. Dieser Sachverhalt wird in der Kostenkennlinie dargestellt.
Leistungs- und Durchlaufzeitkennlinien werden oftmals in einem Diagramm gemeinsam dargestellt und dann als Betriebs- bzw. Produktionskennlinien bezeichnet [Bechte 1984; Wiendahl 1997; Nyhuis, Wiendahl 2003].
Die Kennlinien für den Transport werden im Wesentlichen von Art und Anzahl der eingesetzten Transportmittel, der Einsatzstrategie und der Einbindung der Transportsysteme in die Ablauforganisation beeinflusst.
Die Kennlinien für den Referenzprozess Lagern und Bereitstellen (Lagerkennlinien) werden durch alle Größen, die sich auf das Lagerzugangsverhalten bzw. das Lagerabgangsverhalten auswirken, beeinflusst. In die Kostenkennlinie dieses Referenzprozesses gehen zudem der Wert des Artikels sowie die Fehlmengenkosten ein.
Logistische Kennlinien verdeutlichen sehr anschaulich – qualitativ und auch quantitativ - für alle drei Referenzprozesse die jeweils vorherrschenden Zielkonflikte zwischen den logistischen Zielgrößen. Sie können darüber einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass sich ein Unternehmen gezielt an den logistischen Erfolgsfaktoren ausrichten kann.
Literatur
Bechte, Wolfgang: Steuerung der Durchlaufzeit durch belastungsorientierte Auftragsfreigabe bei Werkstattfertigung. Düsseldorf : VDI-Verlag, 1984.
Nyhuis, Peter; Wiendahl, Hans-Peter: Logistische Kennlinien: Grundlagen, Werkzeuge und Anwendungen. 2. Auflage, Berlin et al. : Springer, 2003.
Engl. Ausgabe: Fundamentals of Production Logistics: Theory, Tools and Applications. Berlin et al. : Springer, 2008.
Wiendahl, Hans-Peter; Nyhuis, Peter: Die logistische Produktionskennlinie: Ein neuer Ansatz zur Beherrschung der Produktionslogistik. In: RKW-Handbuch Logistik. Berlin : Erich Schmidt Verlag, 1993.
Wiendahl, Hans-Peter: Fertigungsregelung: Logistische Beherrschung von Fertigungsabläufen auf Basis des Trichtermodells. 2. Auflage, München et al. : Hanser, 1997.

