Vollständiger Finanzplan (VOFI)
Der Vollständige Finanzplan (VOFI) stellt eine tabellenorientierte Methode der Investitionsrechnung dar, durch die die Restriktionen der formelorientierten klassischen Modelle aufgehoben werden. VOFI eignet sich auch zur Integration der Daten der kurzfristigen Kosten- und Leistungsrechnung in die langfristige Unternehmensplanung.
Definition und Eigenschaften von VOFI
Der Vollständige Finanzplan (VOFI) stellt eine tabellenorientierte Alternative zur klassischen formelorientierten Investitionsrechnung dar [Grob 1989 und 2006]. Besondere Eigenschaften von VOFI sind dessen Einfachheit und dessen Ausbaufähigkeit. Die Einfachheit zeigt sich vor allem in der leichten Nachvollziehbarkeit der einem Controllingobjekt zuzurechnenden originären Daten (z. B. die Zahlungsfolge einer Investition), die mit derivativen Daten (z. B. Kreditaufnahmen, Steuerzahlungen) verknüpft werden, um schließlich auf der Basis von Fortschreibungsformeln den Zielwert (z. B. Endwert, Rentabilität) zur Beurteilung des Controllingobjekts zu ermitteln. Die Ausbaufähigkeit betrifft insbesondere die Finanzierungsseite und die Abbildung der steuerlichen Konsequenzen einer Entscheidungsalternative, aber auch die Erweiterung des ursprünglich deterministischen zu einem stochastischen Modell, in dem Wahrscheinlichkeitsverteilungen enthalten sind.
Aufbau und Algorithmus zur Zielwertermittlung
Der Aufbau eines VOFI-Systems geht aus Abbildung 1 hervor. Den Ausgangspunkt bildet die Zahlungsfolge des zu untersuchenden Controllingobjekts. Zur Abbildung der Finanzierungsseite sind die relevanten Ausprägungen von Eigen- und Fremdkapitaldisposition zu berücksichtigen. Außerdem sind periodenweise die weiteren Zahlungen in Form von Re- und Ergänzungsinvestitionen sowie die Ertragssteuerzahlungen zu erfassen, um im unteren Bereich des VOFIs die jeweiligen Finanz- und Kreditbestände auszuweisen. Nebenrechnungen zum VOFI betreffen beispielweise die Ermittlung der Ertragsteuern.

Abb. 1: VOFI-System
Die Zielwertermittlung (z. B. Endwert) erfolgt bei einem deterministischen Modell entweder in periodisch-sukzessiver oder in simultaner Form. Bei der periodisch-sukzessiven Methode werden am Ende eines jeden Zeitabschnitts Kredit- oder Anlagedispositionen durchgeführt, die zu einem Liquiditätsgleichgewicht in Form eines Finanzierungssaldos von Null führen. Eine simultane Vorgehensweise zur Maximierung des Zielwertes erfordert die Formulierung eines Gleichungssystems, das mit Hilfe der Linearen Programmierung zu optimieren ist.
Bei einem stochastischen Modell werden den unsicheren Elementen eines VOFIs (z. B. Absatzmengen als mengenmäßiger Bestandteil des operativen Cashflows) Verteilungen zugeordnet. Anschließend werden im Rahmen einer Simulation Pseudo-Zufallszahlen erzeugt und in Eingabedaten transformiert, die dann periodisch-sukessiv zu Zielwerten verdichtet werden. Aus der Häufigkeitsverteilung dieser Zielwerte wird eine Wahrscheinlichkeitsverteilung ermittelt und durch Kumulation der Zielwerte das Risiko-Chancen-Profil erzeugt. Ferner können Risiko-Kennzahlen, wie z. B. die Ruin-Wahrscheinlichkeit oder der Value at Risk ermittelt werden.
Softwaretechnische Realisierung
VOFI ist dafür prädestiniert, mit Hilfe von Tabellenkalkulationsverfahren implementiert zu werden. Höhere Qualitätsansprüche können durch die Entwicklung ausführbarer Programme realisiert werden. Durch das MDA (Model Driven Architecture)-Konzept lassen sich für beliebige Varianten eines Grundkonzepts spezifische Anforderungen an die Funktionalität des VOFIs erfüllen [Dewanto 2007]. Im Rahmen größerer Informationssysteme zum Rechnungswesen kann VOFI auch für weitere Controllingaufgaben genutzt werden.
VOFI als Bestandteil eines Controllingsystems
Als Bestandteil eines Controllingsystems [Schultz 2005], das z. B. nach dem Schichtenmodell eines BI (Business Inteligence)-Systems aufgebaut ist, lassen sich Soll- und Istwerte für beliebige monetäre Ziele (z. B. Endwert, Economic Value Added) sowie ein System weiterer Kennzahlen (z. B. VOFI-Gesamtkapitalrentabilität, Return on Investment nach Steuern) ermitteln. Im Rahmen des wertorientieren Controllings können die aus dem CAPM (Capital Asset Pricing Model) herzuleitenden Eigenkapitalkosten in den VOFI als Ausschüttungsbeiträge integriert werden. Bei diesem Konzept stellt der Zielwert den kalkulatorischen Totalgewinn nach Steuern dar. Falls dieser positiv ist, werden nicht nur die Ansprüche der Shareholder und der Fremdkapitalgeber befriedigt, sondern auch die des Staates (Steuern) und der übrigen Stakeholder (z. B. Mitarbeiter, Lieferanten).
Weitere Controllinginstrumente auf der Datenbasis von VOFI
Durch die Möglichkeit von VOFI, beliebige Finanzierungsinstrumente zu integrieren und an andere Methoden anzubinden (z. B. an Prozessmodelle), bietet sich die Instanziierung des VOFI als Instrument für spezifische Controlling-Zwecke (z. B. TCO-VOFI, Supply Chain VOFI, VOFI im IT-Sicherheitsmanagement, Kooperations-VOFI, VOFI zum Prozesscontrolling oder zum Outsourcing-Controlling). Darüber hinaus können aus der Datenbasis von VOFI die relevanten Daten für weitere Controllinginstrumente, z. B. für die KLR (Kosten- und Leistungsrechnung) oder Totalgewinn- und Cashflowanalysen gewonnen werden. Auch die Entwicklung einer Projekt-Bilanz ist möglich, da im VOFI-System die relevanten Bestandsgrößen enthalten sind, wie in Abbildung 2 dargestellt.

Abb. 2: Erweiterungen des VOFI-Grundmodells
Literatur
Dewanto, B. Lofi: Anwendungsentwicklung mit Model Driven Architecture: dargestellt anhand vollständiger Finanzpläne. Berlin : Logos, 2007.
Grob, Heinz Lothar: Investitionsrechnung mit vollständigen Finanzplänen. München : Vahlen, 1989.
Grob, Heinz Lothar: Einführung in die Investitionsrechnung: Eine Fallstudiengeschichte. 5. Auflage, München : Vahlen, 2006.
Grob, Heinz Lothar; Lahme, Norman: Total Cost of Ownership-Analyse mit vollständigen Finanzplänen. In: Controlling (März 2004), S. 157-164.
Schultz, Martin B.: Anreizorientiertes Investitionscontrolling mit vollständigen Finanzplänen. Berlin : Logos, 2005.

