| Geisteswissenschaften |
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Historische Zeitschrift · Heft 269/1 · 1999
Erscheint jeden zweiten Monat (Februar, April, Juni, August, Oktober und Dezember).
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Rubrik: Aufsätze
Im Zusammenhang mit der Frage nach der Historizität der in Liutprands "Relatio" berichteten Ereignisse wird exemplarisch das Thema Essen bzw. Mahl analysiert. Mittels realienkundlicher Vergleiche wird eine Diskrepanz zwischen Darstellung und Wirklichkeit festgestellt. Diese "Färbung" des Berichtes ist jedoch nicht polemischer Selbstzweck, sondern Begründung und Rechtfertigung, daß Liutprand als Gesandter Ottos I. das gemeinsame Mahl mit dem Basileus vermeidet: Aus dem convivum hätten sich nach abendländischem Denken Verpflichtungen freundschaftlicher Art ergeben (auch im politischen Sinn), die nach protokollarischen Demütigungen der Gesandtschaft und durch Ablehnung der Ziele Ottos I. durch Byzanz unmöglich geworden waren.
Die sogenannte Krise des Spätmittelalters ist in unserem Jahrhundert zu einem festen Begriff in der historischen Forschung geworden. Trotz gelegentlich vorgetragener kritischer Einwände fehlt jedoch bislang, auf international, eine systematische Auseinandersetzung mit den heuristischen und hermeneutischen Konsequenzen des Krisenmodels. Der Aufsatz verfolgt zunächst die Ursprünge des Krisenkonzepts in den kultur- und wirtschaftsgeschichtlichen Schriften des beginnenden 20. Jahrhunderts. Davon ausgehend wird die in Deutschland vor allem von Wilhelm Abel durchgesetzte These einer Agrarkrise im Spätmittelalter beleuchtet und auf ihre theoretische und empirische Evidenz hin befragt. Angesichts eines bei Abel nur unzureichend entwickelten Begriffs von Krise versucht der Aufsatz eine Synthese des von František Graus theorieorientiert erarbeiteten Krisenmodells mit den Befunden Abels und kommt zu dem Fazit: Die Krise des Spätmittelalters ist eine Imagination des 20.Jahrhunderts, das in einen "fremden Spiegel" zu schauen versucht hat und sich dort allenfalls schemenhaft selbst zu erkennen vermochte. Mit dieser Art von Selbstbespiegelung hat die moderne Sozial- und Wirtschaftsgeschichte das traditionelle, auf Kaiser und Reich ausgerichtete Geschichtsbild des 19.Jahrunderts in neue Gewänder gekleidet und damit eine wenig erkenntnisfördernde Kontinuität des Geschichtsbildes vom späten Mittelalter befördert.
Die deutschen Katholiken hatten auf längere Sicht seit Beginn des 19.Jahrhunderts, über den Kulturkampf hinweg, in hohem Maße Anteil an der "Nationalisierung" des allgemeinen Bewußtseins.In der katholischen Kirche prägten sich sogar spezifisch religiöse Varianten nationaler Wertorientierung aus, mit denen protestantischen Versionen eines nationalen Geschitsbildes katholische entgegengesetzt wurden. Im Zuge dieser Entwicklung wurden die Gläubigen in dem grundsätzlich nur schwer zu lösenden Konflikt zwischen ultramontanem und nationalem Bekenntnis dadurch entlastet, daß nationale und religiöse Werte zunehmend weniger als unvereinbar galten. Nach 1918 entwickelten sich daraus Hoffnungen auf religiös-nationale Führerfiguren und ein Drittes Reich, die nach 1933 in Treuebekenntnissen gegenüber den Bischöfen und "eingedeutschten" Heiligen zum Ausdruck gebracht wurden. Eine Distanzierung von dieser Extremform nationalchristlichen Denkens fand erst nach 1945 durch Rückbesinnung auf ein "christliches Abendland" statt, als die deutschen Katholiken endlichen konfliktfrei ihre übernationalen und so gut wie gar nicht belasteten Traditionen pflegen konnten, nachdem alles Nationale desavouiert und es allein gefragt war "gut katholisch", nicht jedoch "treu deutsch" zu sein. Während um1800 nationale Vorstellungen an die Stelle religiöser traten, und diese in der folgenden Entwicklung dann nicht nur auf protestanischer, sondern auch auf katholischer Seite eine enge Symbiose mit religiösen eingingen, und zwar nach 1933 bis an die Grenze der Perversion, erlangten nach 1945 religiösen Bindungen gleichsam in Umkehr des Prozesses seit 1800 noch einmal immense Bedeutung mit einer Aktualisierung der "mythische(n) und religiös-politische(n) Konzeption" des "christlichen Abendlandes" als Antwort auf den "Verlust der nationalen Mitte". Ein nationaler Anspruch auf religiöse Legitimation und sakrale Symbolik andererseits gehört seit 1945 in der Bundesrepublik weitgehend der Geschichte an.