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Historische Zeitschrift · Heft 273/3 · 2001
Erscheint jeden zweiten Monat (Februar, April, Juni, August, Oktober
und Dezember). |
Inhaltsverzeichnis von Heft 273/3
Rubrik: Aufsätze
Erinnern und Vergessen sind grundlegende Prozesse menschlichen Lebens, konstitutiv für die individuelle wie kollektive Identität. Gleichermaßen sozial und kulturell wie psychisch-neurophysiologisch bedingt steuern sie das menschliche Gedächtnis, ja die sinnliche Wahrnehmung überhaupt. Sie sind damit zugleich entscheidende, bisher kaum beachtete Faktoren für das Zustandekommen der Mehrzahl historischer Quellen. Dies stellt vor allem den Historiker , der sich mit schriftlosen und schriftarmen Kulturen beschäftigt, vor methodische Schwierigkeiten. Augenzeugenberichte, Annaleinträge, Chroniken, häufig beträchtliche Zeit nach den Geschehnissen schriftlich fixiert, erscheinen mit diesem Wissen als selektierende Vergessens- bzw. Erinnerungsprodukte. Vergangenheit wird in der Gegenwart stets neu geschaffen; unbewußt konstruiert aus unterschiedlichen, diachronen Elementen erinnernten Geschehens. Wesentlich geprägt durch die Erfordernisse der jeweiligen Gegenwart entstehen so stimmige Vergangenheitsbilder, die doch in ihren elementaren Aussagen, Daten, Beteiligten und grundlegenden Zusammenhängen, erheblich tatsächlichen Geschehen abweichen können. Jede Erinnerung ist daher auf ihre Gegenwart hin zu befragen, um sie beurteilen zu können. Das Wissen um die einheitsstiftende Macht verformender Erinnerungsprozesse vermag nicht nur rückblickend Aufschluß über das Entstehen einzelner Quellenzeugnisse bis hin zur Genese des kulturellen Gedächtnisses ganzer Nationen zu geben. Es verweist darüber hinaus beispielsweise auf die Bedeutung, aber auch auf die Schwierigkeiten, die sich bei der Schaffung eines europäischen Bewußtseins, einer zukünftig zu leistenden gemeinsamen Gedächtnisarbeit stellen.
Der Aufsatz behandelt Max Webers Sicht der römischen Republik in den nach dem ´Objektivitätsaufsatz` (1904) erschienenen Arbeiten. Untersucht werden Webers Konzeptualisierung des Verlaufs der republikanischen Geschichte mittels der Kategorien "Feudalismus" und "Kapitalismus" in den ´Agrarverhältnissen im Altertum` (1908), seine Bestimmung der römischen Republik als "Stadt" in der gleichnamigen Abhandlung (ca. 1911-1914) sowie die herrschaftssoziologische Analyse der Republik in ´Wirtschaft und Gesellschaft` (zuletzt 1919/20). Es wird die These vertreten, daß Webers Grundbegriffe und Prämissen heute ihre Plausibilität eingebüßt haben, daß seine Arbeiten jedoch auf zentrale, ungeklärte historische Probleme verweisen, deren Erforschung im Kontext gegenwärtiger Theorieangebote als vielverspechende Aufgabe erscheint.
Entgegen der weitverbreiteten Auffassung, die Kuba-Krise sei der Höhe- und somit auch der Wendepunkt im Kalten Krieg gewesen, wird hier argumentiert, daß die Auseinandersetzung in der Karibik im Herbst 1962 eher als kurzfristige Unterbrechung des weltpolitischen Ringens der beiden Supermächte zu betrachten ist. Kennedy und Chruschtschow agierten während der gemeinsamen Krise mit größter Vorsicht – zu groß schienen ihnen die Eskalationsgefahren. Als die Krise am 17. Oktober 1962 auf ihrem Siedepunkt angelangt war, hatte sich bei den beiden mächtigsten Männern der Welt der subjektive Eindruck verfestigt, daß nur sie die Gefahren eines Atomkrieges würden bannen können. Sie entschieden sich, die grundlegende Konfrontation für einen kurzen Moment auszusetzen und legten die Krise bei. Der amerikanische Präsident hatte dem Kremlherrn über einen Geheimkanal einen verdeckten Raketenaustausch – Kuba gegen Türkei – angeboten, den Cruschtschow bereitwillig annahm. Dennoch ist in diesem amerikanischen Manöver, mit dem der Präsident viele seiner Berater und seine NATO-Verbündeten hinterging, nicht die Erklärung für das Verhalten des Generalsekretärs zu finden. Akten aus den sowjetischen Archiven belegen, daß Chruschtschow während der Krise immer wieder einen Putsch von Generalität und Wirtschaftskapitänen gegen Kennedy befürchtete. Verstärkt wurde dieser Alptraum des Generalsekretärs durch Signale, die Robert Kennedy über einen Geheimkanal nach Moskau gesandt hatte. Vor dem Hintergrund seiner ideologisch motivierten Ängste lenkte Chruschtschow ein und befahl den Abzug der sowjetischen Raketen von Kuba. Kennedy hielt sich ebenfalls an die Geheimabsprache und ließ die Raketen im Frühjahr 1963 aus der Türkei abziehen. Der Kalte Krieg konnte weitergehen.
Rubrik: Neue historische Literatur
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