| Geisteswissenschaften |
|
Historische Zeitschrift · Heft 272/3 · 2001
Erscheint jeden zweiten Monat (Februar, April, Juni, August, Oktober
und Dezember). |
Inhaltsverzeichnis von Heft 272/3
Rubrik: Aufsätze
Wer europäische Geschichte des Mittelalters treiben will, kann kaum am Begriffsgebrauch, an der Wertvorstellung oder am Geschichtsbewußtsein des Mittelalters selbst anknüpfen, sondern trägt in erster Linie den Erfahrungen der geschehenen Geschichte Rechnung. Selbstverständlich darf sich Geschichte als Wissenschaft nicht in den Dienst einer aktuellen politischen Bewegung wie der europäischen Einigung stellen, aber sie darf und sollte ihre Ziele an den Orientierungsbedürfnissen der Gegenwart kontrollieren. In diesem Sinne kann auch europäische Geschichte des Mittelalters zur Aufklärung über Chancen und Risiken der gegenwärtigen europäischen Integration beitragen, sie muß auf das Gelingen dieses Prozesses ebenso vorbereitet sein wie auf das Scheitern. Die reale Einigung Europas verlangt die Revision der latinozentrischen Mediävistik zugunsten einer transkulturellen Ausweitung, d.h. einer transdisziplinären Erweiterung des Faches durch Öffnung zur Osteuropahistorie (Slawistik) und Byzantinistik, Judaistik und Arabistik (Islamwissenschaften). Die wichtigste Methode der europäischen Mittelalterhistorie, der Vergleich, sollte stets systematisch angelegt sein, er sollte also zur Erkenntnis von Analogien und Einheiten ebenso führen wie zur Einsicht in Differenzen. Für den Vergleich braucht europäische Geschichte weiterhin die Nationalgeschichten und die Spezialdisziplinen, deren Ergebnisse sie für ihre Zwecke neu ordnet; umgekehrt stimuliert der Vergleich die Spezialforschungen durch Aufweis verwandter oder abweichender Phänomene in anderen Kulturen, Räumen oder Zeiten. Europäische Geschichte stellt sich dar als überwölbende Ergänzung der historischen Einzelwissenschaften. Eine europäische Identität zu bilden, mag eine Aufgabe der Schule sein, in der Geschichtswissenschaft muß man aber dem Umstand Rechnung tragen, daß Europa noch nicht "fertig" ist. Solange alle interessierten Völker und Staaten noch keine Einigkeit darüber erzielt haben, wer zu Europa gehört, gehören möchte und gehören darf, kann es auch keine Einheitsdarstellung Europas geben, die auf breiten Konsens rechnen kann. Deshalb kann europäische Geschichtsschreibung in der Gegenwart auch überzeugend nur pluralistisch angelegt sein. Das Einheitskonzept der Geschichtswissenschaft ist deshalb aber nicht obsolet, da es benötigt wird, um die Einzelheiten der Geschichte zu ordnen. Allerdings sind historische Einheiten stets subjektive Konstruktionen und nur insofern erträglich, als sie in Forschung und Darstellung immer zugleich anderen gedachten historischen Einheiten Raum geben. Solange es keine transkulturelle europäische Identität oder gar einen verbindenden Mythos Europa gibt, können Historiographen nur Geschichten Europas verfassen, die neben anderen gleicher Art stehen.
Untersucht wurde die begriffsgeschichtliche Karriere des Terminus "Korn-Jude", eine Wortverknüpfung, die offenkundig seit dem späten 17. Jahrhundert vermehrt auftauchte und vor allem zwischen 1779 und 1820 große Verbreitung fand. Der besondere Stellenwert dieser Wortschöpfung ist im Kontext einer Geschichte deutsch-jüdischer Beziehungen und des Antisemitismus zu wenig beachtet worden. Die fiktive Figur der "Korn-Juden" bezeichnete nicht allein mit Korn handelnde Juden, sondern konnte darüber hinaus einen Großteil aller auf privaten Gewinn orientierten Getreidehändler einschließen. "Korn-Jude" meinte dann allgemein den wucherischen, "gewissenlosen" Händler, im Kontrast zum redlichen, den Normen des Gemeinwohls verpflichteten, wahrhaft christlichen Händler. In Preußen wurde der Terminus zeitweilig für obrigkeitliche Zwecke instrumentalisiert, um Protagonisten des Freihandels durch Übertragung tiefverwurzelter antijüdischer Ressentiments zu stigmatisieren. Seinen eigentlichen Wirkungszenit erreichte der Begriff parallel zum Getreideexportboom um die Jahrhundertwende, bis hin zur Subsistenzkrise 1816/17, als er in der Presse und in der Staßenöffentlichkeit "in aller Munde" war. Nach 1820 büßte der Terminus vor dem Hintergrund handelspolitischer Liberalisierungen, aufgrund "wohlfeiler Zeiten" im Gefolge der Agrardepression sowie anderer säkularer Wandlungen an politischer Instrumentalisierbarkeit und öffentlicher Geltung ein, ohne freilich ganz aus dem Vokabular der popularen Öffentlichkeit zu verschwinden.
Der Beitrag untersucht das Problem der Parlamentarisierung der Reichsleitung im späten Kaiserreich. Seine zentrale These ist, daß Demokratisierung und Parlamentarisierung im wilhelminischen Deutschland gegenläufig waren. Gerade die fortschreitende Demokratisierung wirkte einer Parlamentarisierung entgegen.
Der Einflußgewinn des Reichstags war keine Vorstufe zum parlamentarischen Regierungssystem. Das Verhältnis von Reichstag und Reichsleitung wies vielmehr Ähnlichkeit mit dem dualistischen Gegenüber von Kongreß und Präsident im nichtparlamentarischen Regierungssystem der Vereinigten Staaten auf. Der Kontrollgewinn des Reichstags über die legislative Detailarbeit war für eine Parlamentarisierung nicht günstig, sondern festigte den konstitutionellen Dualismus von Parlament und Regierung.
Diese institutionelle Entwicklung entsprach der fortschreitenden Demokratisierung. Die wachsende Partizipation breiter Bevölkerungsschichten trieb die Parlamentarisierung nicht voran, sondern behinderte sie. Im Unterschied zu Großbritannien, Frankreich oder Italien fand die Demokratisierung insbesondere über das Reichstagswahlrecht im Deutschen Reich vor der Parlamentarisierung statt. Diese Demokratisierung zeichnete die vielfältigen Segmentierungen der wilhelminischen Gesellschaft nach und verstärkte sie. Hieraus entstand ein Herrschaftssystm des gouvernementalen Konsensualismus. Bürokratische Staatsleitung und kooperative Koordination mit Parteien und Interessengruppen verbanden sich miteinander. Von einer Parlamentarisierung war das späte Kaiserreich daher weiter entfernt als das frühe.
Rubrik: Buchbesprechungen
Allgemeines
Altertum
Mittelalter
Frühe Neuzeit
19./20. Jahrhundert
[ Historische Zeitschrift | Inhaltsverzeichnisse
Historische Zeitschrift ]