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Historische Zeitschrift · Heft 271/3 · 2000
Erscheint jeden zweiten Monat (Februar, April, Juni, August, Oktober
und Dezember). |
Inhaltsverzeichnis von Heft 271/3
Rubrik: Aufsätze
In einem von Abbildungen umstellten Alltag sind die Bücher mit ihren Bildern zu einer fraglosen Selbstverständlichkeit geworden. Von vornherein scheint heute festzuliegen, was das Buch als Gegenstand ist, was die Schrift, was die beigegebenen Bilder darin sind; gesondert und in sich statisch scheinen die Dinge nebeneinander zu stehen. Die Menschen des frühen Mittelalters hingegen erleben das Buch als neues Medium. Vor allem Handschriften des 9. und 10. Jahrhunderts zeigen, daß deren Schöpfer die Bücher als körperhafte Objekte auffaßten, deren textliche und bildliche Teile als integrierende mediale Momente und – im Verband des Buches – in sich bewegte Einheiten gesehen wurden. Bilder und Schrift oder Vers wurden so gestaltet, daß sie im Aufeinandertreffen beim Schließen der Codices (bzw. beim Wenden der Seiten) neue komplexere Aussagen bilden, die das vom einzelnen Bild, vom einzelnen Wort zunächst Gegebene übersteigen (so in der Widmungsszene im Aachener Evangeliar Ottos III.). Mitunter bringt dieses Zusammentreffen einen die Statik von Wort und Bild überschreitenden Handlungsvorgang zum Ausdruck (Evangelistar der Irmengard; Evangelistar der Uta). Auch erhalten in diesem Prozeß wiederholt "Initialen" einen konkreten Bildwert (Hohelied im Egbert-Codex in Trier). Die wechselseitige Durchdringung der im Buch einander gegenüberstehenden Seiten oder das Zueinander der beiden Seiten eines Blattes eröffnen so die innere Tiefe eines Geschehens oder vergegenwärtigen weitere Aspekte des in Schrift und Bild Dargestellten bis hin zur Performance. In Werken des Barock und in der zeitgenössischen Kunst (etwa in Buchobjekten, Konkreter Poesie und in Arbeiten von K. Schwitters) finden sich derartige Zusammenhänge Entsprechungen. Es sollte in Zukunft versucht werden, solche Phänomene medialer Verschränkung bei der Edition von Text oder Bild in breiterem Umfang zu beachten und in der Aufbereitung umzusetzen.
Von alters her, namentlich seit der Aufklärung stehen die geistlichen Staaten des Alten Reiches in der Kritik, gelten sie sowohl politisch wie strukturell als in besonderem Maße rückständig. In jüngerer Zeit bahnt sich indes eine Neubewertung der bischöflichen beziehungsweise prälatischen Territorien und der in ihnen erbrachten Leistungen an. Eine rege Forschung vermochte in den zurückliegenden Jahrzehnten das hergebrachte Bild in vielen Punkten zu korrigieren und den Nachweis zu erbringen, daß das zeitgenössische Diktum, demzufolge unter dem Krummstab gut zu leben war, offenbar tatsächlich seine Berechtigung hatte. Entgegen den verbreiteten Vorurteilen herrschte dort keineswegs a priori weniger Toleranz, konnten das Schul- und Bildungswesen sowie die Kunst und Kulturförderung vielfach als geradezu vorbildlich gelten, desgleichen die von christlichem Ethos getragene Fürsorge für Arme, Kranke, Witwen und Waisen. Auch hinsichtlich der allgemeinen Landesverwaltung und -ökonomie müssen die geistlichen den Vergleich mit den weltlichen Staaten keinesfalls scheuen, zumal in ihnen aufgrund einer allgemein geringen Militarisierung die auf den Untertanen ruhenden Lasten reduziert waren. Mithin erhebt sich der Verdacht, das gern bemühte Klischee von der generellen Rückständigkeit der geistlichen Staaten sei damals wie heute vor allem eine wohlfeile Rechtfertigung der Säkularisation von 1802/03.
Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß deutsche Forschungsreisende sich vor der Jahrhundertmitte bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges in das Räderwerk der britischen Machtergreifung einfügten. Sie lieferten, wie ihre britischen Kollegen, die wissenschaftlichen Informationen, die die politische und wirtschaftliche Expansion ermöglichten. Gleichzeitig stellten sie die Kenntnisse, die sie im britischen Empire erwarben, der deutschen Kolonialexpansion zur Verfügung. Es gab eine enge Verflechtung zwischen politischer Hegemonie und naturwissenschaftlicher Erforschung der außereuropäischen Welt, in der wissenschaftliche Erkenntnisse in den Dienst der Machtentfaltung gestellt wurden und Wissenschaftler von den ideologischen Grundwerten der Expansion überzeugt waren. Gleichzeitig läßt sich in vieler Hinsicht eine Distanz zwischen Politik und Wissenschaft feststellen, eine wissenschaftliche Eigenständigkeit und Unabhängigkeit, die die Kontinuität in der Zusammenarbeit und die permanente Anwesenheit deutscher Naturwissenschaftler im britischen Empire bis in den Ersten Weltkrieg hinein ermöglichte.
Für die deutsche und britische Kolonialgeschichte lassen sich daraus zwei Schlußfolgerungen ziehen. Erstens wird auf deutscher Seite die bisher in der Geschichtsschreibung vorausgesetzte Einteilung in eine Phase des kolonialen Desinteresses in den fünfziger und sechziger Jahren und eine Phase des Imperialismus seit den siebziger Jahren aufgelöst. Die deutsche Kolonialgeschichte wird chronologisch in die Mitte des 19. Jahrhunderts ausgedehnt, so daß man von einer kontinuierlichen Fortentwicklung durch das 19. Jahrhundert hindurch sprechen kann. Zweitens läßt sich die strikte Trennung zwischen deutscher und britischer Übersee-Expansion nicht mehr konsequent aufrechterhalten. Die Anwesenheit deutscher Wissenschaftler im britischen Empire zeigt, daß es neben dem politischen Kolonialantagonismus eine in vielen Bereichen intensive Zusammenarbeit gab.

Rubrik: Buchbesprechungen
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