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Historische Zeitschrift · Heft 271/2 · 2000
Erscheint jeden zweiten Monat (Februar, April, Juni, August, Oktober
und Dezember). |
Inhaltsverzeichnis von Heft 271/2 – Oktober 2000
Rubrik: Aufsätze
Caesar hat neben seinen territorialen Eroberungen von Beginn an die Bedeutung des Seekrieges erkannt und die Expansion der Republik in unbekannte Meere maßgeblich vorangetrieben. Bewährte er sich in seiner Jugend im Kampf gegen die Piraten, so begann er seit seiner spanischen Statthalterschaft in Konkurrenz zu den maritimen Erfolgen des Pompeius als erster Römer in den nördlichen Okeanos vorzustoßen. Den Höhepunkt bildeten die Überquerung des Kanals und der Übergang nach Britannien; diese Erfahrungen auf dem Meer und im Seekrieg haben entscheidend zum Sieg über Pompeius 49/48 beigetragen und wurden Vorbild für Augustus und die frühe Kaiserzeit. Sie sind aber auch ein Spiegelbild der Krise der republikanischen Führungsschicht: Seekriege und maritime Entdeckungsfahrten boten ehrgeizigen Adeligen jenseits gruppenspezifischer Kontrollen die Chance auf persönliche Bewährung und individuellen Ruhm, den ihnen der auf Gleichheit bedachte Senat verwehrte. Auch dieser Widerspruch hat einerseits die Expansion Roms über den Mittelmeerraum hinaus gefördert, andererseits zum Untergang der Republik und zur Entstehung einer neuen monarchischen Ordnung beigetragen.
Seit der Herausbildung von Herrschaftsstrukturen sind Autorität und Legitimität Grundprobleme der Machtsicherung. An den "Prismen der Macht", jenen Augenblicken, da Herrschaft von Brüchen, Auffächerungen oder Auslöschungen bedroht war oder ist, lassen sich immer wieder Inszenierungen beobachten, in deren Mittelpunkt Funeralzeremonien stehen und die eben jener Autoritäts- und Legitimitätsstärkung dienen sollen. Leichen oder Gräber gelten dabei als Symbole für diejenigen Herrschaftsformen, an die angeknüpft werden soll oder deren Autorität man sich versichern will. Die Wiederherstellung der Gräber vermeintlicher Vorgänger, das Veranlassen pompöser Bestattungen, die Sicherung von Gebeinen als Garant von Herrschaftsansprüchen: das sind die Haupterscheinungsformen der zur Schau gestellten Totensorge, die uns immer wieder beim Beobachten menschlicher Gesellschaften entgegentreten. Diese diachronisch auftretenden Riten lassen sich auch als Transformationen deuten, bei denen "symbolisches Kapital" in tatsächliche Herrschaft umgegossen wird. Dabei wird an Inhalte des kommunikativen oder kulturellen Gedächtnisses angeknüpft, mythomorphes und legendäres Wissen zur Stärkung von Großgruppenidentitäten genutzt. So spannt sich von alttestamentarischer Zeit bis hin zu den Riten der Moderne ein weiter Bogen, der den Gedächtnisort Grab als ungeheuer universellen und wirkungsvollen "Legitimitätsgenerator" ausweist.
Reichfreiherr Karl vom und zum Stein war sicherlich der prominenteste, aber auch der umstrittenste preußische Reformer. Seine Position in einer "Sattelzeit", in der sich traditionale und moderne Elemente und Haltungen oft ununterscheidbar verbanden, sperrt sich gegen die so widersprüchlichen wie notorischen Vereinnahmungen von nationalkonservativer wie von liberaler Seite. Der Beitrag portraitiert Stein als einen durch und durch pragmatischen, praxisorientierten, undogmatischen - und damit durchaus unpolitischen - Spitzenbeamten, der seine konzeptionellen Einsichten aus seiner langjährigen Verwaltungspraxis gewann. Wichtiger für eine Charakterisierung des Reformers als philosophische Rezeptionsanalysen erscheint die Stein durchgreifend prägende Karrierephase als behördlicher Leiter des Steinkohlebergbaus in den westfälischen Provinzen Preußens und später als oberster Beamter der allgemeinen westlichen Provinzialadministration. Aus diesen Diensterfahrungen entwickelte Stein sein Ideal einer dezentral organisierten, an örtlichen Gegebenheiten orientierten, entwicklungsfördernden Staatsverwaltung, die gleichwohl zentral koordiniert und durchsetzungsfähig war. Die Konsultation materiell interessierter ständischer Repräsentativorgane durch die Behörden und die verstärkte Rekrutierung von Spitzenbeamten aus den besitzenden und gebildeten regionalen Eliten ergänzten diese interventionistische Rolle der Staatsbürokratie zur "Selbstverwaltung". Steins Reformprojekte verwiesen auf ihre Mobilisierung zur Stärkung einer allenfalls geringfügig konstitutionell abgestützten Monarchie.





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