| Geisteswissenschaften |
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Historische Zeitschrift · Heft 270/2 · 2000
Erscheint jeden zweiten Monat (Februar, April, Juni, August, Oktober und Dezember).
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Rubrik: Aufsätze
Fünfundzwanzig Jahre hat es gedauert, bis die "Geschichtlichen Grundbegriffe" 1997 endlich komplett vorlagen. Der Artikel bilanziert die theoretischen Vorannahmen dieses Werks, untersucht seine wichtigsten Mitarbeiter und würdigt den wissenschaftlichen Ertrag. Er geht ferner der Frage nach, weshalb die Resonanz so gering bleibt. Der Blick auf die Entstehungszusammenhänge und die theoretischen Vorannahmen Conzes und Kosellecks erlaubt es, von einem Traditionsbruch zwischen der Begriffsgeschichte der dreißiger und der der fünfziger Jahre zu sprechen. Diese These wird noch unterstützt durch den Blick auf die wichtigsten Mitarbeiter. Die zwanzig Personen, die zusammen mehr als die Hälfte des gesamten Textes beigesteuert haben, sind nicht nur keine Schüler Otto Brunners und nur in wenigen Fällen dem Umkreis Carl Schmitts zuzurechnen, sondern man hat sie auch ohne ernsthafte methodische Schulung an die Arbeit gesetzt. Dementsprechend lieferten die meisten bestenfalls eine auf Begriffe zugespitzte Geistes- oder Sozialgeschichte. Auch das Interpretament der Sattelzeit, die als Terminus mittlerweile in der Wissenschaftssprache fest etabliert zu sein scheint, hat jene klaren Konturen verloren, die ihm im theoretischen Entwurf eigen waren. Dafür hat sich ein ganz anderer wissenschaftlicher Ertrag eingestellt: In den Beiträgen Kosellecks finden sich Umrisse einer Theorie der historischen Zeit, deren Hauptergebnis die in Begriffen ablesbare Beschleunigung unseres Zeitempfindens ist. So ist das Lexikon der bisher mit Abstand erfolgreichste Versuch, die Entstehung der Moderne im Medium der Sprache zu rekonstruieren. Daß es trotzdem so wenig wahrgenommen wird, hängt damit zusammen, daß es sich Grundannahmen und Erkenntnisinteressen der Geschichtswissenschaft nach dem "linguistic turn" verweigert. Die "Grundbegriffe" kommen daher entweder zu spät oder zu früh.
Der Beitrag untersucht anhand ausgewählter Beispiele aus Politik, Publizistik und Historiographie den Umgang des Bürgertums im Kaiserreich mit der Revolution von 1848/49. Die Revolution stellte von Anfang an ein Erbe dar, das die nationalliberale Mehrheit des politisch aktiven Bürgertums belastete. Nur im bürgerlich-demokratischen Lager, namentlich in Südwestdeutschland, wurde sie als fortwirkender Auftrag zur Demokratisierung des neuen Reiches empfunden und 1873 und 1898 entsprechend gefeiert. Die Gegensätze zwischen den verschiedenen politischen Konzeptionen und verschiedenen Wegen der Umsetzung, die bereits 1848 wirksam gewesen waren, fanden in den Jahrzehnten danach ihre Fortsetzung in den unterschiedlichen Deutungen der Revolution. Hinzu trat vor allem ab den 1890er Jahren ein Blick auf die Revolution, der unpolitisch-nostalgische Züge hatte.
Wert und Wertschätzung der Invalidenversicherung und ihrer Leistungen im Kaiserreich sind von den Zeitgenossen und auch in der neueren Forschung als gering eingestuft worden. Wie jedoch eine nähere Untersuchung zeigt, wies die Invalidenversicherung ein attraktives Regelungs- und Leistungsprofil auf. Die der großen Mehrheit der Antragsteller ohne weiteres bewilligten und nur in seltenen Fällen wieder entzogenen Renten leisteten für die meisten Rentenempfänger einen bedeutenden Beitrag zum Lebensunterhalt. An der allgemeinen Akzeptanz der Invalidenversicherung änderten auch verschiedene Härten sowie regulierende Eingriffe des Reichsversicherungsamts nach 1900 nichts. Eine Ausnahme bildete der Osten, wo eine erheblich strengere Prüfung der Rentenanträge in Verbindung mit einem schroffen Auftreten der Behörden vor allem gegenüber Angehörigen der slawischen Minoritäten eine nachhaltige Verstimmung der Versicherten bewirkte.
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