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Inhaltsverzeichnis von Heft
280/1
Rubrik: Aufsätze
- Bernhard Linke
Religion und Herrschaft im archaischen Griechenland
In den neueren Forschungen zum archaischen Griechenland
wird die hohe Bedeutung der Religion für die kollektive Identität
der griechischen Polisgemeinschaften nachdrücklich hervorgehoben.
Erstaunlich ist jedoch, dass trotz dieser engen Verwobenheit von kollektiver
Selbstwahrnehmung und religiösem Leben die religiöse Sphäre kaum zur
Legitimation von Herrschaft genutzt wurde. Kernüberlegung der vorstehenden
Untersuchung ist es, dass diese Konstellation das Resultat einer langen
Entwicklung in der Archaik war, in deren Rahmen der Einfluss der sakralen
Sphäre auf die gesellschaftlichen Organisationsformen weitgehend neutralisiert
wurde. Die Ursache für diesen Prozess lag keineswegs in einer zunehmenden
Distanz gegenüber der Religion, sondern gerade in der vielschichtigen
Bedeutung, die die Kulte im Rahmen der neuen Polisstrukturen besaßen.
Die frühen Polisgemeinschaften waren offensichtlich bemüht, die Machtkonzentration
einzelner Angehöriger der Polis im sakralen Bereich zu verhindern,
und gliederten daher langfristig die sakralen Funktionen in die gemeinschaftliche
Organisation ein. Damit verloren die griechischen Poleis aber auch
die Autorität, deren Einflussnahme nicht in der Disposition der Mitglieder
der Gemeinschaft lag, und so blieben nur noch zwei Wege für die Ausgestaltung
des öffentlichen Lebens offen: die freie Konkurrenz unter den Angehörigen
dieser Gemeinschaften um den Erwerb von Einfluss und die Suche nach
Lösungen auf der Basis eines möglichst breiten Konsenses in der Gesellschaft.
Aus dem spannungsreichen Zusammenwirken dieser beiden Optionen entstand
eine Konstellation, die man als die 'Autonomie des Öffentlichen' bezeichnen
kann, da die Polisgemeinschaften die Möglichkeit erhielten, die Strukturen
ihres Zusammenlebens in einem ungewöhnlichen Maße unabhängig von nicht
hinterfragbaren Vorgaben zu gestalten.
- Silvia Serena Tschopp
Das Unsichtbare begreifen. Die Rekonstruktion historischer Wahrnehmungsmodi
als methodische Herausforderung der Kulturgeschichte
Angesichts der Tatsache, dass die Kulturgeschichte seit
jeher ihre Zuständigkeit für jene mentalen Dispositionen, die historisches
Handeln determinieren, postuliert, stellt die Klärung der Frage, wie
etwas derart Geschichtsmächtiges und zugleich Ungreifbares wie menschliche
Wahrnehmung als wissenskonstituierende und handlungsleitende Operation
auf wissenschaftlich plausible Weise rekonstruiert werden kann, eine
vordringliche Aufgabe kulturhistorischer Reflexion dar. Ausgehend
von in Auseinandersetzung mit Positionen der französischen Mentalitätengeschichte
entwickelten Überlegungen des Historikers Roger Chartier erörtert
der Beitrag einen kommunikationsgeschichtlichen Lösungsansatz und
erprobt ihn an einem exemplarischen Fall: Das Beispiel eines chronikalisch
und publizistisch vielfältig bezeugten Polarlichts, das im Jahre 1580
in fast ganz Mitteleuropa zu sehen war, macht deutlich, dass die Rekonstruktion
historischer Wahrnehmungsmodi, verstanden als aktive und bewusste
Akte der Wissenskonstitution und Wirklichkeitsdeutung, nicht nur von
den - in den Worten Chartiers - "Repräsentationen", d.h. den spezifische
Perzeptionsweisen dokumentierenden Quellen, ausgehen darf, sondern
auch die Genese und den zeitgenössischen Umgang mit einer Quelle bestimmenden
kulturellen Handlungsweisen erforschen muss. Nur eine Analyse, so
die These, welche die sozialen, institutionellen und kulturellen Determinationen
und die damit verbundenen kommunikativen Praktiken gleichermaßen in
den Blick nimmt, eröffnet dem Historiker die Möglichkeit, individuelle
und kollektive Wahrnehmungsmuster methodisch überzeugend zu rekonstruieren
und deren jeweilige geschichtliche Relevanz zu bestimmen.
- Martin Wrede
Der Kaiser, das Reich, die deutsche Nation - und ihre "Feinde". Natiogenese,
Reichsidee und der "Durchbruch des Politischen" im Jahrhundert nach
dem Westfälischen Frieden
Nach der Krise des Dreißigjährigen Krieges konnte sich das Alte Reich
seit den 1670er Jahren trotz aller fortbestehenden Heterogenität sehr
deutlich konsolidieren; getragen wurde diese Konsolidierung von einer
Welle des Reichspatriotismus. Nicht allein, aber auch nicht zuletzt
ausschlaggebend für beide Momente waren die Auseinandersetzungen mit
den verschiedenen Reichsfeinden - Schweden, Türken und Franzosen -,
die in jener Zeit zu bestehen waren. Die Reichskriege schufen Reichserfahrung,
und sei es solche "aus zweiter Hand", die den Reichsuntertanen durch
zahllose Flugschriften vermittelt wurde, sie erzwangen eine "Verdichtung",
die Kaiser, Stände und Untertanen beider Konfessionen als Solidar- und
Erinnerungsgemeinschaft beisammen hielt. Reich und deutsche Nation definierten
sich vor allem durch ihren Gegensatz zu Frankreich wie auch durch die
Siege über die Türken. Hier wurden wirksame und politisch nutzbare Feindbilder
erzeugt und unterhalten. Der kurbrandenburgische Versuch, auch Schweden
zu einem solchen "Feindbild" aufzubauen, schlug demgegenüber fehl, da
hier das Machtpotenzial des "Feindes" weithin als zu gering angesehen
wurde. Auch diese Auseinandersetzung zeigt indes, dass gerade Amt und
Person des Kaisers Bezugspunkt und Kristallisationskern von Patriotismus
und Identität der gesamten, multikonfessionellen, "föderalen" Nation
darstellte. Mit den unter kaiserlicher Ägide erzielten Teilerfolgen
bei Reichsreformen und Reichskriegen war das Modernisierungspotenzial
des Reiches jedoch ausgeschöpft. Indem die unmittelbare Bedrohung durch
auswärtige Feinde gebannt war, lockerte sich der Zusammenhalt; Rekonfessionalisierung
und "Europäisierung" der Reichspolitik ließen neue Konfliktlinien hervortreten,
die sich in der dynastischen Krise des habsburgischen Kaiserhauses als
nicht mehr überbrückbar erwiesen. Ohne gemeinsame "Feinde" und ohne
über territoriale wie konfessionelle Grenzen hinweg internalisierte
gemeinsame "Feindbilder" traten Kaiser, Reich und Nation nach 1740 mehr
und mehr auseinander.
Rubrik: Neue historische Literatur
- Lothar Gall
Europe reborn? Eine Geschichte Europas im 20. Jahrhundert
Rubrik: Buchbesprechungen
Allgemeines
- E. Pitz,
Die griechisch-römische Ökumene und die drei Kulturen des Mittelalters.
Geschichte des mediterranen Weltteils zwischen Atlantik und Indischem
Ozean 270-812 (T. Ertl)
- H. James, Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Fall und Aufstieg
1914-2001 (L. Gall)
- H. E. Bödeker (Hrsg.), Begriffsgeschichte, Diskursgeschichte,
Metapherngeschichte (S. Jordan)
- M. H. Hansen (Ed.), A Comparative Study of Six City-State Cultures
(W. Nippel)
- P. Feldbauer/M. Mitterauer/W. Schwentker (Hrsg.), Die vormoderne
Stadt. Asien und Europa im Vergleich (W. Nippel)
- F. Ringer, Max Weber. An Intellectual Biography (G. Schöllgen)
- P. C. Mayer-Tasch/B. Mayerhofer (Hrsg.), Porträtgalerie der
politischen Denker (S. Jordan)
- B. Jahn (Bearb.), Biographisches Handbuch der deutschen Politik.
2 Bde. (S. Jordan)
- G. Wiemers (Hrsg.), Sächsische Lebensbilder. Bd. 5 (S. Jordan)
- T. Nicklas, Das Haus Sachsen-Coburg. Europas späte Dynastie
(L. Biewer)
- F. Butschek, Europa und die industrielle Revolution (W. Nippel)
- M. Weber (Hrsg.), Preußen in Ostmitteleuropa. Geschehensgeschichte
und Verstehensgeschichte (P. H. Wilson)
- A. Musi (Ed.), Alle origini di una nazione. Antispagnolismo
e identità italiana (R. Lill)
- M. Izard, Moogo. L'émergence d'un espace étatique ouest-africain
au XVIe siècle. Étude d'anthropologie historique (V. Stamm)
- J. de la Guérivière, Die Entdeckung Afrikas. Erforschung und
Eroberung des schwarzen Kontinents (G. Schöllgen)
Altertum
- A. Hartmann/M. Neumann (Hrsg.), Mythen Europas. Schlüsselfiguren
der Imagination. Bd. 1: Antike (L.-M. Günther)
- H. Brandt, Wird auch silbern mein Haar. Eine Geschichte des
Alters in der Antike (J. Bergemann)
- J. Dummer/M. Vielberg (Hrsg.), Leitbild Wissenschaft? (G.
O. Kirner)
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politischen Schriftstellers (K. Trampedach)
- H. Scholten, Die Sophistik. Eine Bedrohung für die Religion
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- U. Sinn, Das antike Olympia. Götter, Spiel und Kunst (C. Mann)
- F. Landucci Gattinoni, L'arte del potere. Vita e opere di
Cassandro di Macedonia (R. M. Errington)
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2., völlig neu bearb. Aufl. 3 Bde. (M. Clauss)
- K.-J. Hölkeskamp, Rekonstruktion einer Republik. Die politische
Kultur des antiken Rom und die Forschung der letzten Jahrzehnte (R.
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- M. Elster, Die Gesetze der mittleren römischen Republik. Text
und Kommentar (H. Beck)
- R. Stepper, Augustus et sacerdos. Untersuchungen zum römischen
Kaiser als Priester (U. Lambrecht)
- M. Todd (Ed.), A Companion to Roman Britain (K. Brodersen)
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- F. M. Ausbüttel, Theoderich der Große. Der Germane auf dem
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- P. Barceló, Constantius II. und seine Zeit. Die Anfänge des
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- A. Laniado, Recherches sur les notables municipaux dans l'empire
protobyzantin (J. Wintjes)
Mittelalter
- J. Semmler, Der Dynastiewechsel von 751 und die fränkische
Königssalbung (U. Nonn)
- H.-C. Picker, Pastor Doctus. Klerikerbild und Karolingische
Reformen bei Hrabanus Maurus (L. Körntgen)
- L. E. von Padberg, Die Inszenierung religiöser Konfrontationen.
Theorie und Praxis der Missionspredigt im frühen Mittelalter (B. Kasten)
- J. Fried/O. G. Oexle (Hrsg.), Heinrich der Löwe. Herrschaft
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Frühe Neuzeit
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- H. Carrère d'Encausse, Catherine II. Un âge d'or pour la Russie
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19./20. Jahrhundert
- T. Brechenmacher, Das Ende der doppelten Schutzherrschaft.
Der Heilige Stuhl und die Juden am Übergang zur Moderne (1775-1870)
(H. Wolf)
- B. Grzywatz, Stadt, Bürgertum und Staat im 19. Jahrhundert.
Selbstverwaltung, Partizipation und Repräsentation in Berlin und Preußen
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- H. Glaser (Hrsg.), König Ludwig I. von Bayern und Leo von Klenze.
Der Briefwechsel. T. 1: Kronprinzenzeit König Ludwigs I. Bd. 1-3 (J.
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Comparative Perspective (P. Alter) R. Boch, Staat und Wirtschaft im
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Eine Einführung in die deutsche Wirtschaftsgeschichte des 19. und frühen
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in die Moderne 1860 bis 1890. Armeen, Marinen und der Wandel von Politik,
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Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Deutschland und Österreich
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- P. Unruh, Weimarer Staatsrechtslehre und Grundgesetz. Ein verfassungstheoretischer
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- Handbuch zur Statistik der Parlamente und Parteien in den westlichen
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v. H. J. Küsters (M. Gehler) Der Auswärtige Ausschuß des Deutschen
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Bearb. v. J. Wintzer u. J. Boyer in Verb. mit W. Dierker. 2 Halbbde.
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